“Liebes Kind” von Romy Hausmann

Eine fens­ter­lo­se Hüt­te im Wald. Lenas Leben und das ihrer zwei Kin­der folgt stren­gen Regeln: Mahl­zei­ten, Toi­let­ten­gän­ge, Lern­zei­ten wer­den minu­ti­ös ein­ge­hal­ten. Der Vater ver­sorgt sei­ne Fami­lie mit Nah­rung, er beschützt sie vor den Gefah­ren der Welt da drau­ßen, er küm­mert sich dar­um, dass sei­ne Kin­der eine Mut­ter haben – kos­te es, was es wol­le. Doch eines Tages gelingt die­ser die Flucht. Und nun geht der Alb­traum rich­tig los. Denn vie­les scheint dar­auf hin­zu­deu­ten, dass sich der Vater mit aller Macht zurück­ho­len will, was ihm gehört. Wahn oder Wirk­lich­keit?

In ihrem emo­tio­nal scho­ckie­ren­den und zugleich tief berüh­ren­den Thril­ler ent­rollt Romy Haus­mann Stück für Stück das Pan­ora­ma eines Grau­ens, das jeg­li­che mensch­li­che Vor­stel­lungs­kraft über­steigt.

Die­ser Psy­cho­thril­ler taucht tief in die Abgrün­de der mensch­li­chen Psy­che ein, offen­bart ein “War­um” und vor allem ein “Wie”. Wie kann man so eine lan­ge Gefan­gen­schaft über­ste­hen? Wie wür­de man sel­ber han­deln? Könn­te man über­haupt han­deln? Das sind die Fra­gen, die man sich unwei­ger­lich stellt, stel­len muss.

Ein Buch das mich bis zur letz­ten Sei­te gefes­selt hat.

Armin B., Sand­hau­sen

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“Offene See” von Benjamin Myers

Der jun­ge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Män­ner sei­ner Fami­lie Berg­ar­bei­ter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewe­gung, sehnt sich nach der Wei­te des Mee­res. Daher beschließt er kurz nach dem Zwei­ten Welt­krieg, sich zum Ort sei­ner Sehn­sucht, der offe­nen See, auf­zu­ma­chen. Fast am Ziel ange­kom­men, lernt er eine älte­re Frau ken­nen, die ihn auf eine Tas­se Tee in ihr leicht her­un­ter­ge­kom­me­nes Cot­ta­ge ein­lädt. Eine Frau wie Dul­cie hat er noch nie getrof­fen: unver­hei­ra­tet, allein lebend, unkon­ven­tio­nell, mit sehr kla­ren und für ihn uner­hör­ten Ansich­ten zu Ehe, Fami­lie und Reli­gi­on. Aus dem Nach­mit­tag wird ein län­ge­rer Auf­ent­halt, und Robert lernt eine ihm voll­kom­men unbe­kann­te Welt ken­nen. In den Gesprä­chen mit Dul­cie wan­delt sich sein von den Eltern gepräg­ter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Groß­zü­gig­keit bie­tet er ihr sei­ne Hil­fe rund um das Cot­ta­ge an. Doch als er eine wild wuchern­de Hecke stut­zen will, um den Blick auf das Meer frei­zu­le­gen, ver­bie­tet sie das barsch. Eben­so ableh­nend reagiert sie auf ein Manu­skript mit Gedich­ten, das Robert fin­det. Gedich­te, die Dul­cie gewid­met sind, die sie aber auf kei­nen Fall lesen will.

Bei man­chen Büchern wünscht man sich, dass man noch ein biss­chen län­ger dar­an lesen könn­te. Auch wenn man seit den ers­ten Sei­ten weiß, wie die Geschich­te aus­geht, ist die Ent­wick­lung bis dort­hin lesens­wert. In bild­haf­ter Spra­che beschreibt Myers Natur und Cha­rak­te­re, humor­voll und ein­fühl­sam die Annä­he­rung der bei­den Haupt­fi­gu­ren. Ein zau­ber­haf­tes Lese­ver­gnü­gen.

B. K., Sand­hau­sen

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“Der letzte Satz” von Robert Seethaler

Gus­tav Mah­ler auf sei­ner letz­ten Rei­se – das ergrei­fen­de Por­trät des Aus­nah­me­künst­lers. Nach „Das Feld“ und „Ein gan­zes Leben“ der neue Roman von Robert Seet­ha­ler.

An Deck eines Schif­fes auf dem Weg von New York nach Euro­pa sitzt Gus­tav Mah­ler. Er ist berühmt, der größ­te Musi­ker der Welt, doch sein Kör­per schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Wäh­rend ihn der Schiffs­jun­ge sanft, aber reso­lut umsorgt, denkt er zurück an die letz­ten Jah­re, die Som­mer in den Ber­gen, den Tod sei­ner Toch­ter Maria, die er manch­mal noch zu sehen meint. An Anna, die ande­re Toch­ter, die gera­de unten beim Früh­stück sitzt, und an Alma, die Lie­be sei­nes Lebens, die ihn ver­rückt macht und die er längst ver­lo­ren hat. Es ist sei­ne letz­te Rei­se.

“Der letz­te Satz” ist das ergrei­fen­de Por­trät eines Künst­lers als müde gewor­de­ner Arbei­ter, dem die Ver­gan­gen­heit in Form glas­kla­rer Momen­te der Schön­heit und des Bedau­erns ent­ge­gen­tritt.

Reflek­tio­nen eines älte­ren kran­ken Man­nes wäh­rend einer See­fahrt von New York nach Euro­pa. Dicht erzählt in lei­ser Spra­che. Seet­ha­ler wählt dafür die Figur von Gus­tav Mah­ler. Es hät­te für das uni­ver­sel­le The­ma Rück­blick am Lebens­en­de auch eine fik­ti­ve Per­son wie in ‚Ein ein­fa­ches Leben“ sein kön­nen. Sprach­lich ein Ver­gnü­gen.

B. K., Sand­hau­sen

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“Ich bleibe hier” von Marco Balzano

Ein idyl­li­sches Berg­dorf in Süd­ti­rol – doch die Zei­ten sind hart. Von 1939 bis 1943 wer­den die Leu­te vor die Wahl gestellt: ent­we­der nach Deutsch­land aus­zu­wan­dern oder als Bür­ger zwei­ter Klas­se in Ita­li­en zu blei­ben. Tri­na ent­schei­det sich für ihr Dorf, ihr Zuhau­se. Als die Faschis­ten ihr ver­bie­ten, als Leh­re­rin tätig zu sein, unter­rich­tet sie heim­lich in Kel­lern und Scheu­nen. Und als ein Ener­gie­kon­zern für einen Stau­see Fel­der und Häu­ser über­flu­ten will, leis­tet sie Wider­stand – mit Leib und See­le.

Tri­na ist eine jun­ge Leh­re­rin und lebt in Graun, einem hüb­schen Berg­dorf im Vinsch­gau. Doch die Zei­ten sind düs­ter. Die von Hit­ler und Mus­so­li­ni aus­ge­han­del­te «Gro­ße Opti­on» zwingt sie, wie alle deutsch­spra­chi­gen Süd­ti­ro­ler, zu einer Ent­schei­dung: ent­we­der ins Deut­sche Reich aus­zu­wan­dern oder wei­ter in Ita­li­en Bür­ger zwei­ter Klas­se zu sein. Tri­na bleibt – obwohl sie in ihrem Dorf nicht als Leh­re­rin tätig sein darf. Und sie bleibt auch, als nach dem Krieg ihr Dorf einem Stau­see wei­chen soll, einem Ener­gie­pro­jekt, das kei­ne Rück­sicht auf Mensch und Natur nimmt. Mar­co Balza­no erzählt eine Geschich­te von Leid, Wider­stand und Mut – eine uni­ver­sel­le Para­bel dar­über, was uns Men­schen aus­macht und wofür wir ein­ste­hen müs­sen.

Wann ist es rich­tig, an einer ein­mal getrof­fe­nen Ent­schei­dung fest­zu­hal­ten, wann soll­te man sich neu ent­schei­den. Ein­drucks­voll beschreib Balza­no die Geschich­te einer Süd­ti­ro­ler Fami­lie in schwie­ri­gen Zei­ten. Gut recher­chiert und bedrü­ckend.

B. K., Sand­hau­sen

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“Liebe und Verderben” von Kristin Hannah

1974: Als Leno­ra All­b­right mit ihren Eltern nach Alas­ka zieht, ist die Fami­lie vol­ler Hoff­nung, das Trau­ma des Krie­ges, das der Vater in Viet­nam davon­ge­tra­gen hat, hin­ter sich zu las­sen. In Mat­thew, dem Sohn der Nach­barn, fin­det Leni einen engen Freund, und aus ihrer Ver­traut­heit ent­wi­ckelt sich bald eine jun­ge Lie­be. Doch auf die Schön­heit des Som­mers in Alas­ka folgt unwei­ger­lich die Fins­ter­nis des Win­ters, und je län­ger die­se andau­ert, des­to weni­ger ver­mag Lenis Vater die in ihm woh­nen­den Dämo­nen zu bän­di­gen. Schon bald müs­sen die bei­den jun­gen Lie­ben­den um ihr Mit­ein­an­der kämp­fen – bis sie eines Tages aus­zu­bre­chen ver­su­chen …

Mit emo­tio­na­ler Wucht erzählt Kris­tin Han­nah eine gro­ße Geschich­te über unse­re Ver­letz­lich­keit, wenn wir zum ers­ten Mal lie­ben, über die dunk­len Sei­ten der Lie­be und über die nie­mals enden­de Ver­bun­den­heit zwi­schen einer Mut­ter und ihrem Kind.

Der deut­sche Titel klingt ein biss­chen unglück­lich kit­schig. ‚The Gre­at Alo­ne‘ heißt er im Ori­gi­nal und in sei­ner Dop­pel­deu­tig­keit fin­de ich ihn sehr pas­send. Ein­drück­lich und packend beschreibt die Autorin das Über­le­ben in einer rau­en Natur, die mit Roman­ti­kern oder Uner­fah­re­nen kein Nach­se­hen hat. Grau­sam sind die Beschrei­bun­gen der häus­li­chen Gewalt, in der die Fami­li­en­mit­glie­der fast hilf­los allein blei­ben. Mit ver­wo­ben sind die The­men Nach­bar­schaft, Fami­lie und Loya­li­tät. Nicht alles fin­de ich stim­mig, den­noch ist das Buch ein ein­drück­li­ches Lese­er­leb­nis.

B. K., Sand­hau­sen

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“Die Nachtigall” von Kristin Hannah

Zwei Schwes­tern. Die eine kämpft für die Frei­heit. Die ande­re für die Lie­be.

Der Welt­best­sel­ler – die Nr. 1 aus den USA.

Zwei Schwes­tern im von den Deut­schen besetz­ten Frank­reich: Wäh­rend Vian­ne ums Über­le­ben ihrer Fami­lie kämpft, schließt sich die jün­ge­re Isa­bel­le der Résis­tance an und sucht die Frei­heit auf dem Pfad der Nach­ti­gall, einem gehei­men Flucht­weg über die Pyre­nä­en. Doch wie weit darf man gehen, um zu über­le­ben? Und wie kann man die schüt­zen, die man liebt?

In die­sem epi­schen, kraft­vol­len und zutiefst berüh­ren­den Roman erzählt Kris­tin Han­nah die Geschich­te zwei­er Frau­en, die ihr Schick­sal auf ganz eige­ne Wei­se meis­tern.

Ergrei­fen­de, berüh­ren­de und fes­seln­de Geschich­te über den fran­zö­si­schen Wider­stand der Zivil­be­völ­ke­rung wäh­rend der deut­schen Besat­zung Frank­reichs im 2.Weltkrieg am Bei­spiel einer Fami­lie. Han­nahs Schreib­stil ist packend und anschau­lich, so dass die 600 Sei­ten Sog­wir­kung aus­lö­sen.

B.  K., Sand­hau­sen

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“Tante Martl” von Ursula März

Tan­te Martl ist schein­bar unschein­bar, in Wahr­heit aber ganz beson­ders. Der Leser spürt es gleich an der Art, wie sie ihre Tele­fon­an­ru­fe eröff­net: mit einem Stöh­nen, dem ein uner­war­te­ter Satz folgt. Gebo­ren als drit­te Toch­ter eines Vaters, der nur Söh­ne woll­te, ist Martl die unge­lieb­te Jüngs­te, die kei­nen Mann fin­det, dafür aber einen Beruf als Volks­schul­leh­re­rin. Nie ver­lässt sie die west­pfäl­zi­sche Klein­stadt, in der sie gebo­ren wur­de, ja nicht ein­mal ihr Eltern­haus. Und obwohl sie ihren Vater jah­re­lang pflegt, wäh­rend ihre Schwes­tern Fami­li­en grün­den, bewahrt sie ihre Selbst­stän­dig­keit. Wie Tan­te Martl das schafft und in hohem Alter noch einen gro­ßen Fern­seh­auf­tritt bekommt, erzählt Ursu­la März mit stau­nen­der Empa­thie und wider­stän­di­gem Humor.

Tan­te Martl hat das Herz auf dem rech­ten Fleck, ist reso­lut und nimmt kein Blatt vor ihren Mund. Doch das ist nur die eine Sei­te. Ursu­la März hat ihre Fami­li­en­ge­schich­te auf­ge­schrie­ben und sich dabei auch die Rol­le der Frau in der Nach­kriegs­ge­sell­schaft vor­ge­nom­men. Humor­voll, rüh­rend und auch ein klei­nes biss­chen trau­rig.

B. K., Sand­hau­sen

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“Die Bagage” von Monika Helfer

„Von uns wird man noch lan­ge reden.“ Moni­ka Hel­fers neu­er Roman „Die Baga­ge“ – eine berüh­ren­de Geschich­te von Her­kunft und Fami­lie

Josef und Maria Moos­brug­ger leben mit ihren Kin­dern am Rand eines Berg­dor­fes. Sie sind die Absei­ti­gen, die Armen, die Baga­ge. Es ist die Zeit des ers­ten Welt­kriegs und Josef wird zur Armee ein­ge­zo­gen. Die Zeit, in der Maria und die Kin­der allein zurück­blei­ben und abhän­gig wer­den vom Schutz des Bür­ger­meis­ters. Die Zeit, in der Georg aus Han­no­ver in die Gegend kommt, der nicht nur hoch­deutsch spricht und wun­der­schön ist, son­dern eines Tages auch an die Tür der Baga­ge klopft. Und es ist die Zeit, in der Maria schwan­ger wird mit Gre­te, dem Kind der Fami­lie, mit dem Josef nie ein Wort spre­chen wird: der Mut­ter der Autorin. Mit gro­ßer Wucht erzählt Moni­ka Hel­fer die Geschich­te ihrer eige­nen Her­kunft.

Berüh­ren­de und erschüt­tern­de Geschich­te, wie eine Dorf­ge­mein­schaft durch Ver­leum­dung und Aus­gren­zung eine Fami­lie ins Unglück stürzt. In fei­ner Spra­che beschreibt die Autorin das kärg­li­che Leben ihrer Groß­el­tern, über das nur der Bür­ger­meis­ter zeit­wei­lig schüt­zend sei­ne Hand hält. Doch auch der hat sei­ne Grün­de. Dicht und packend.

B. K., Sand­hau­sen

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“Die Schule am Meer” von Sandra Lüpkes

Juist, 1925: Tat­kräf­tig und vol­ler Idea­le grün­det eine Grup­pe von Leh­rern am äußers­ten Rand der Wei­ma­rer Repu­blik ein ganz beson­de­res Inter­nat. Mit eige­nen Gär­ten, See­was­ser­aqua­ri­en und Thea­ter­hal­le. Es ist eine ein­ge­schwo­re­ne Gemein­schaft: die jüdi­sche Leh­re­rin Anni Rei­ner, der Musik­päd­ago­ge Edu­ard Zuck­may­er, der zehn­jäh­ri­ge Maxi­mi­li­an, der sich mit dem Grup­pen­zwang manch­mal schwer tut, sowie die reso­lu­te Insu­la­ne­rin Kea, die in der Küche das Sagen hat. Doch das Kli­ma an der Küs­te ist hart in jeder Hin­sicht, und schon bald neh­men die Span­nun­gen zu zwi­schen den Lehr­kräf­ten und mit den Insu­la­nern, bei denen die Schu­le als Hort für Juden und Kom­mu­nis­ten ver­schrien ist. Im kata­stro­pha­len Eis­win­ter von 1929 ist die Insel wochen­lang von der Außen­welt abge­schlos­sen. Man rückt ein wenig näher zusam­men. Aber kann es Hoff­nung geben, wenn der Rest der Welt auf den Abgrund zusteu­ert?

Die Schu­le am Meer gab es wirk­lich. Sie war Teil der Reform­schul­be­we­gung der 20er Jah­re des letz­ten Jahr­hun­derts. Die Autorin hat aus­gie­big recher­chiert und mit rea­len und fik­ti­ven Per­so­nen einen span­nen­den, tem­po­rei­chen Gesell­schafts­ro­man vor­ge­legt.

B. K., Sand­hau­sen

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“Small World” von Martin Suter

„Small World“ ist Fall­stu­die, Gesell­schafts­ro­man und Thril­ler in einem.

Kon­rad Lang, Mit­te sech­zig, wird auf ein­mal wie­der von inten­si­ven Bil­dern aus der Kind­heit heim­ge­sucht. Und es zieht den her­un­ter­ge­kom­me­nen alten Mann magisch zur Vil­la sei­ner ehe­ma­li­gen ›Fami­lie‹, wo man sich sei­ner nur ungern erin­nert. Was geht mit ihm vor?, fragt sich vor allem die acht­zig­jäh­ri­ge Elvi­ra Senn besorgt, unan­ge­foch­te­nes Ober­haupt die­ser Fami­lie und gro­ße alte Dame der renom­mier­ten Schwei­zer Koch-Wer­ke. Sie ist irri­tiert von Kon­rads wach­sen­dem Erin­ne­rungs­ver­mö­gen, und mit gutem Grund: Elvi­ra hat näm­lich etwas zu ver­ber­gen. Kon­rads Kind­heit und Jugend waren denk­bar unge­wöhn­lich. Als unehe­li­ches Kind eines Dienst­mäd­chens, aber Spiel­ka­me­rad – oder viel­mehr Lakai – eines gleich­alt­ri­gen Mul­ti­mil­lio­närs­sohns, ist er auf­ge­wach­sen in der Welt der Reichs­ten, ohne dort je akzep­tiert zu sein. Und jetzt möch­te der ver­wirr­te alte Mann nur eines: zurück in den Schoß der Fami­lie, die ihn sicher nicht nur gut behan­delt hat. Elvi­ra Senn nimmt ihn auf, als Pfle­ge­fall. Doch Kon­rad wird für sie zu einer zuneh­men­den Bedro­hung. Zumal er in der Fami­lie uner­war­tet eine Beschüt­ze­rin gefun­den hat. Ein dra­ma­ti­scher Wett­lauf gegen die Zeit, gegen die rät­sel­haf­te Erkran­kung und gegen die immer pani­sche­ren Wider­stän­de der alten Dame beginnt. Er endet in einem fast hei­te­ren Fina­le.

Was bringt eine schwer­rei­che Wit­we der bes­ten Schwei­zer Gesell­schaft dazu, immer wie­der schüt­zend ihre Hand über einen Spiel­ge­fähr­ten ihres Soh­nes aus des­sen Kin­der­zeit zu hal­ten? Der Leser nimmt Anteil an der zuneh­men­den Demenz des begüns­tig­ten Mit­sech­zi­gers und man könn­te anneh­men, dass dadurch eine Erklä­rung nie ans Licht kommt. Gekonnt kon­stru­iert gibt Suter häpp­chen­wei­se Hin­wei­se auf die Grün­de der Gön­ne­rin. Raf­fi­niert, span­nend und auch humor­voll.

B. K., Sand­hau­sen

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